Wozu braucht Bremen einen Drogenkosumraum? – Fragen & Antworten

04. 09. 2020 um 15:33:28 Uhr | BremenNews-Redaktion
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Am Montag, 7. September, eröffnet in der Friedrich-Rauers-Straße Bremens erster Drogenkonsumraum. Wozu genau braucht Bremen eigentlich einen solchen Raum und wie lässt sich der Drogenkonsum dort mit dem Gesetz vereinbaren? Die Antworten auf diese und andere wichtige Fragen haben wir für euch zusammengetragen. Sozialpädagogin und Suchttherapeutin Lea Albrecht und Jens Körber von der Polizei Bremen haben uns die wichtigsten Fragen beantwortet.

Was ist das eigentlich, ein „Drogenkonsumraum“?

Ein Drogenkonsumraum ist ein Ort, an dem stark Drogenabhängige ihre Drogen konsumieren können. Dafür erhalten sie sterile Spritzen oder sonstige Utensilien, die demzufolge auch frei von Keimen und Krankheiten sind. Außerdem sind immer auch Streetworker, Sozialarbeiter und medizinisches Personal vor Ort, welche den Konsum überwachen und für generelle Suchtberatung zur Verfügung stehen. Der Drogenkonsumraum in Bremen ist aktuell nicht in einem Gebäude verortet, sondern besteht aus mehreren Containern, die zu diesem Zweck in der Friedrich-Rauers-Straße aufgestellt wurden. Es gibt einen Container für den Konsum, dieser unterteilt sich in zwei Räume: Einen für den inhalativen und einen für den injektionalen Konsum. Der Raum, in dem geraucht wird, verfügt über einen Abzug. Der nasale Konsum ist in beiden Räumen möglich. Außerdem gibt es zwei WC-Container und einen Container für Beratungsgespräche.

Wieso braucht Bremen so einen Raum?

Dafür gibt es gleich mehrere Gründe, erklärt uns Suchttherapeutin und Leiterin Lea Albrecht. Zum einen trägt ein solcher Raum dazu bei, dass die Verunreinigungen an öffentlichen Orten, etwa durch Spritzen oder ähnliches abnimmt, zum anderen könne man den Konsumenten saubere Utensilien zur Verfügung stellen und so beispielsweise Infektionen und Krankheiten verhindern. Ebenfalls ein wichtiger Punkt sei es, so Albrecht, dass Streetworker hier die Möglichkeit hätten, mit den Konsumenten ins Gespräch zu kommen und den Menschen besser bei der Suchtbewältigung helfen könnten.

Drogenbesitz ist aber doch illegal. Wieso schafft man dann einen Raum, in dem Drogen konsumiert werden?

„Wir haben im Betäubungsmittelgesetz eine Regelung, die solche Räume ausdrücklich erlaubt“, erklärt Jens Körber von der Polizei Bremen. „Das was wir erleben ist, dass sich viele der Suchtkranken im öffentlichen Raum aufhalten, etwa in den Wallanlagen oder rund um den Bahnhof und dort ihre Drogen konsumieren. Das beeinträchtigt das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung erheblich und führt auch zu viel Vermüllung. Häufig wird dann natürlich die Polizei gerufen. Die kann zwar den Drogenbesitz als Straftat verfolgen, aber nicht langfristig dagegenwirken“, so Körber. Die Folge sei also, dass die Konsumenten woanders hingehen, um Drogen zu nehmen. Häufig an einen anderen öffentlichen Ort, wo dann erneut die Polizei gerufen werde. Das erschwere es besonders den Streetworkern mit den Konsumenten in Kontakt zu treten. „Ich glaube, es ist einfach weitsichtiger, wenn man sagt: Streetworker und Medizin kümmern sich um die Kranken und wir als Polizei kümmern uns um die öffentliche Sicherheit“, so Körber. „Wir können dann gegenüber den Abhängigen auch einen anderen Dialog führen und sagen: Hier könnt ihr nicht konsumieren, geht in den Drogenkonsumraum.“

Wie sieht es mit dem Verkauf von Drogen aus? Glauben Sie nicht, dass sich Dealer dann gerade hier im Umfeld aufhalten werden, wenn Sie wissen, dass die Abhängigen hier sind?

„Wir werden natürlich keinen Drogenhandel zulassen, weder hier noch irgendwo anders“, erklärt Körber. „Das ist auch mit den Streetworkern und Sozialarbeitern abgesprochen, dass sie auch in den Beratungsgesprächen ganz klar machen, kauft auf keinen Fall hier im Umfeld, denn das hätte sofortige polizeiliche Maßnahmen zur Folge.“ Schwierig sei in diesem Zusammenhang aber die Tatsache, dass die Polizei eine Strafverfolgungspflicht beim Thema Drogenbesitz habe. Nun sei natürlich klar, dass die meisten, die den Raum nutzen auch Drogen bei sich haben. Da es aber auch ein Beratungsangebot gibt, muss die Polizei dort nicht zwingende Kontrollen durchführen. Das wäre auch entgegen der gemeinsamen Absicht, die dieses Angebot verfolgt. Generell sei man mit den Streetworkern, den Nachbarn im Umfeld, der Stadtreinigung sowie der Polizei und Verwaltung aber gemeinsam immer wieder im Gespräch um abzuklären, wie es vor Ort läuft und was noch getan werden muss.

Was macht Sie so sicher, dass die Drogenabhängigen den Raum auch wirklich nutzen werden?

Eine Machbarkeitsstudie aus dem vergangenen Jahr hat gezeigt, dass 400 bis 600 Menschen in Bremen einen solchen Raum aktiv nutzen wollen. Insgesamt gibt es laut der Studie in Bremen etwa 4.000 Drogenabhängige. In anderen Großstädten existieren Drogenkosumräume teilweise schon seit sehr erfolgreich seit mehr als 30 Jahren, erklärt Suchttherapeutin Albrecht. Außerdem zeigen auch die Bilder aus den Wallanlagen etwa, unter welchen Bedingungen die Abhängigen dort konsumieren und welche Folgekrankheiten das nach sich ziehen kann. Wie auch die Studie gezeigt hat, würden sich die Konsumenten eigentlich einen wesentlich hygienischeren Konsum wünschen.

Wie läuft Ihre Arbeit als Suchtberaterin vor Ort ab?

„Jeder, der hier her kommt und hier konsumieren möchte, muss ein verpflichtendes Erstgespräch mit uns führen“, erklärt Albrecht. „Das heißt, wir lernen die Menschen kennen und können direkt unsere Hausregeln und auch unsere Angebote an sie herantragen. Erst danach haben sie dann die Möglichkeit zu konsumieren. Ich denke die Verknüpfung aus Konsum und gleichzeitiger Beratung ist die Stärke des Drogenkonsumraums.“

Sind die Suchtkranken Ihrer Erfahrung nach denn überhaupt am Gespräch interessiert oder wollen sie eher ihre Ruhe haben?

„Man muss sich klar machen, dass der Drogenkonsumraum ein niedrigschwelliges Angebot ist“, so Albrecht. „Das heißt, wir arbeiten mit akzeptierender Art und Weise. Die Klienten konsumieren hier und es ist nicht unser erster Wunsch, das zu verändern. An erster Stelle steht es, das Überleben der Menschen zu sichern. 2018 etwa gab es in Bremen 22 Drogentote, das ist bundesweit über dem Durchschnitt“, erklärt die Suchttherapeutin. „In einem zweiten Schritt ist es dann unser Ziel, ein möglichst gesundes Überleben zu sichern, das heißt, dann gucken wir, ob man die hygienischen Bedingungen des Konsumierens verbessern kann. Und erst in einem dritten Schritt schauen wir, ob man den Konsum verringern kann. Für viele, die schon über Jahre Drogen nehmen, ist der Weg vom Kontakt zur Abstinenz in einem Schritt viel zu groß.“

Der Drogenkonsumraum öffnet am Montag, 7. September, um 10 Uhr und ist dann von montags bis freitags immer zwischen 10 und 14 Uhr geöffnet. Samstags und sonntags 11 bis 14 Uhr. Ab Oktober ist es dann geplant, die Räumlichkeiten für 70 Stunden in der Woche zu öffnen. Im September werden vorerst fünf Mitarbeiter, bestehend aus Medizinern und Sozialarbeitern vor Ort sein, neues Personal wird aber weiterhin gesucht.

Hier ein Eindruck der Räumlichkeiten:

 




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