Welches Manns-Bild wollt ihr haben?

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Erstmals entscheidet das Publikum über Werke in einer Ausstellung der Kunsthalle Bremen: Ab dem 6. Juli zeigt man eine Auswahl nackter Männer im Rahmen der Ausstellung „Manns-Bilder. Welche das sind, überläßt man dem Geschmack des Publikums.

In der Ausstellung „Der männliche Akt auf Papier“ geht es um die ganze Bandbreite männlicher Akte in der Kunst des 15. bis 20. Jahrhunderts: Von Sportlern über christliche Märtyrer bis zu antiken Helden, echte Männer und ideale Akte, alle sind vertreten. Bei den Darstellungen drängen sich Fragen nach Männlichkeit und Schönheit auf, die jede Zeit, jede Kultur, jedes Individuum anders beantwortet. Bei gewissen Werkgruppen ist die Entscheidung für ein Manns-Bild gleichzeitig die Entscheidung gegen ein anderes. Deshalb möchte das Museum die Meinung des Publikums einholen: Welche Manns-Bilder sollen in der Ausstellung gezeigt werden?

Abstimmung über Social Media

Erstmals lässt die Kunsthalle Bremen das Publikum an der Werkauswahl für eine Ausstellung teilhaben. Es gilt eine Auswahl zu treffen von besonders charakteristischen wie einzigartigen Manns-Bildern. Deshalb möchte das Museum bei einigen Werken das Publikum auf den Social Media-Kanälen Instagram, Facebook, Twitter und tiktok mitentscheiden lassen. Zur Auswahl stehen Werke von Paula Modersohn-Becker, eine Graphikfolge von Hendrick Goltzius und Darstellungen des Heiligen Sebastians. „Eine passende Darstellungsform für den männlichen Körper zu finden war für manche Künstler eine Lebensaufgabe. Dürer suchte beispielsweise zunächst nach den perfekten Proportionen für seine christlichen Idealbilder. Letztlich entwickelte er in seiner Proportionslehre verschiedene Körpertypen. Denn was aber die Schönheit sei, das weiß ich nit bekannte Dürer. Für die Ausstellung ‚Manns-Bilder‘ gilt es aus hunderten von Aktdarstellungen aus dem Kupferstichkabinett der Kunsthalle Bremen eine Auswahl zu treffen. Dazu möchte ich gerne das Publikum befragen, um in Erfahrung zu bringen, welche Manns-Bilder aus heutiger Perspektive am meisten Zuspruch erhalten.“, so Christine Demele, Kuratorin der Manns-Bilder-Ausstellung.

Welcher Sebastian darf es sein?

Den Auftakt der Wahl machen zwei Darstellungen des Heiligen Sebastians. Er lebte im dritten Jahrhundert und starb 288 nach Christus unter Kaiser Diokletian als Märtyrer in Rom. Sebastian zählt zu den meistverehrtesten Heiligen. Beide Bilder erzählen seine Geschichte, aber auf sehr unterschiedliche Weise. Gerade diese Gegenüberstellung macht die Herausforderung bei der Werkauswahl deutlich: Beide Kupferstiche entstanden Anfang des 16. Jahrhunderts, aber von unterschiedlichen Künstlern in unterschiedlichen Ländern. Der eine Sebastian stammt von einem italienischen Künstler, der andere von einem deutschen. Beide interpretieren die Geschichte unterschiedlich:  Die Darstellung des Italo-Sebastians ist an der Antike orientiert und idealisiert. Ein schöner Jüngling mit lieblichem Haar steht da elegant und aufrecht an einer glatten Steinsäule. Dass er mit den zurückgenommenen Armen an die Säule gefesselt ist, sieht man erst auf den zweiten Blick.  Sein Lendenschurz ist dekorativ um seine Hüfte gewickelt. Zwei diskrete Pfeile machen auf seine Leidensgeschichte aufmerksam, scheinen seinem makellosen Körper aber nichts anhaben zu können.

Dürers Sebastian hingegen ist ganz anders dargestellt, individuell und leidend: Er ist kein Jüngling mehr, er ist bärtig und hat zerzaustes Haar. Sein Gesichtsausdruck ist schmerzverzerrt. Mit erhobenen Armen wurde er mit den Handgelenken an den Ast eines Baumes gefesselt und kann sich in dieser anstrengenden Position kaum halten. Sein gequälter Körper hängt mehr als dass er steht. Er trägt eine schlichte Unterhose und die Pfeile in seinem naturalistisch erfassten Körper sind deutlich zu erkennen. Ein und derselbe Mann und doch so unterschiedlich dargestellt. Für welchen der beiden Männer entscheidet sich das Publikum? Vom 20. Januar, dem Gedenktag des Heiligen Sebastians, bis zum 6. Februar konnte auf den Social Media-Kanälen der Kunsthalle unter den Postings kommentiert werden, welcher Sebastian in der Ausstellung zu sehen sein soll.

80 nackte Männer

Zwei weitere Gelegenheiten Manns-Bilder auszuwählen: Im Februar und im März werden auf Social Media außerdem zwei männliche Akte von Paula Modersohn-Becker (8. Februar/ Geburtstag der Künstlerin) gegenübergestellt sowie zwei Werke von Hendrick Goltzius (1. März) aus der Serie „Vier Stürzende“. Das Publikum kann sich durch die Kommentar-Funktion jeweils für eines der beiden Werke aussprechen. Das Werk, das die meisten Stimmen erhält, wird ab dem 6. Juli mit circa 80 weiteren nackten Männern in der Ausstellung präsentiert.

Bild: Albrecht Dürers „Heiliger Sebastian am Baume“ betont die Qualen des Märtyrers Bildquelle: Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen, Kupferstichkabinett