Was die Leser von BremenNews 2025 interessiert hat: Es geht um Emotionen und Gemeinschaft
Tradition ist bekanntlich das Gegenteil von Fortentwicklung. Allerdings ist sie auch symbolhaft; etwas Gewohntes, das die Bürgerinnen und Bürger sich nicht nehmen lassen wollen und zugleich den Zustand dieser Gesellschaft spiegelt. Und dazu gehört in Bremen geradezu beispielhaft offensichtlich der Freimarkt. Denn tatsächlich geht es auch bei der „Fünften Jahreszeit“ um tiefgreifende Emotionen.
Und die mitschwingenden Gefühle, die Veränderung, das Unbehagen, die Angst vor Terroranschlägen, auch die Tatsache, dass sich manche den Familienspaß schlichtweg nicht mehr leisten können, gehen in der Gesellschaft ganz offensichtlich tiefer, als man oberflächlich vermuten würde. Romantik vergangener Zeiten? Gibt’s nicht mehr. Unbeschwert ohne Polizeiüberwachung und Sicherheitsdienste über das Volksfest schlendern, die Kuriositäten bewundern, ein paar tolle Stunden verbringen, den Duft von gebrannten Mandeln frei von Angst genießen? Gibt’s nicht mehr. Der Artikel über den Bremer Freimarkt wurde mehrere hunderttausend Mal geklickt und gelesen und sammelte Hunderte von Kommentaren.
Umso interessanter, als die übliche Vermutung eigentlich wäre, Leserinnen und Leser interessieren sich hauptsächlich für Blaulicht-Themen, für Themen aus der Politik oder dem Sozialwesen. Aber ist es möglicherweise ganz anders, wird das Politgeschehen viel zu prominent dargestellt? Schlussendlich ist es die Gemeinschaft, das Schwarmgefühl der kollektiven Individualisten, das informiert werden will und soll. Und das sieht eher nach Politikverdrossenheit aus. Mitten im Leben schreibt sich vermutlich anders als die nächste Schaffermahlzeit im Bremer Rathaus mit hochelegant gekleideten und nicht minder gut situierten Gästen. Auch das ist eine Tradition, eine kostspielige. Aber Ereignisse wie „Ischa Freimaak“ sind für alle da. Oder sollten es wenigstens sein: aus Tradition.
+++ Aus dem Archiv +++
Ischa Freimaak in Bremen: Rund 300.000 Besucher weniger als im letzten Jahr
2024 wurden rund 1,8 Millionen Besucherinnen und Besucher auf dem Bremer Freimarkt gezählt. In diesem Jahr werden es ersten Schätzungen zufolge mit ca. 1,5 Millionen etwa 300.000 weniger sein. Als Grund wird das schlechte Wetter insbesondere an den Haupttagen genannt. Weitere Gründe können zumindest vermutet werden. Tatsächlich verbleiben Fragen danach, ob das legendäre Volksfest auf einen brüchigen Ast getrieben wird.
Indes die Polizei ein positives Resümee zieht und von einem überwiegend friedlichen und ausgelassenen 990. Bremer Freimarkt spricht, ist die Atmosphäre im Vergleich zu den vorvergangenen Jahren eine spürbar andere geworden. Dass der Freimarkt auch in diesem Jahr wieder störungsfrei verlaufen sei, führen die Ordnungshüter auch auf das umfassende Sicherheitskonzept mit Videoüberwachung, Eingangskontrollen, die starke eigene Präsenz, den Einsatz von privaten Security-Diensten sowie die Positionierung von Pollern und Wellenbrechern zurück. Das Sicherheitsgefühl wurde zweifellos gestärkt. Feiern unter Videoüberwachung ist allerdings nicht unbedingt für jede und jeden erstrebenswert.
Gleichwohl wurden die Standgebühren für die Schausteller deutlich erhöht, nämlich auf Senatsbeschluss etwa verdoppelt. Das wiederum hatte zur Folge, dass einige der Schausteller das Interesse verloren hatten. Auch deshalb, da sie die teils massiven Preiserhöhungen nicht komplett an die Feierfreudigen weitergeben wollten und somit die wirtschaftliche Grundlage gefährdet sahen. Der Unmut der Schausteller war nicht zu verhehlen. Kaum Verständnis konnte man dafür aufbringen, dass die Stadt Bremen den touristischen Nutzen nicht in die Gesamtrechnung aufnahm.
Ebenso wird mit dem alleinentscheidenden Hinweis auf das Wetter, auf die „(…) sieben bis acht verregneten und stürmischen Tage“, vergessen, dass die allgemeine finanzielle Situation der Bremerinnen und Bremer als auch Touristen und Tagesbesucher weiterhin eher Richtung Keller tendiert. Vielen Familien ist es aus Geldmangel bei zugleich steigenden Preisen schlichtweg nicht möglich, ihren Kindern eine tolle Zeit mit Fahrgeschäften und typischen Leckereien zu bezahlen. Und bevor man sehnsuchtsvolle Augen enttäuschen muss, geht man zur „Fünften Bremer Jahreszeit“ lieber gar nicht erst hin.
Am heutigen Abend endet der 990. Bremer Freimarkt. Traditionell sollen die Schausteller dann wieder schwarz gekleidet mit Zylinder und einem symbolischen Sarg an den Buden und Fahrgeschäften vorbeiziehen und das Volksfest „beerdigen“: Der Freimarkt nicht nur eines der ältesten Volksfeste in Deutschland, sondern auch eines der größten in Norddeutschland. Möge es noch lange ein wunderbares und bezahlbares Fest für Bürgerinnen und Bürger bleiben. Genau für die war ja ehemals die „Bürgerweide“ gedacht. Nach der Abschlussveranstaltung werden fast 300 Geschäfte in den nächsten Tagen abgebaut. Ob der Grund für den Besucherrückgang wirklich nur das Wetter war, bleibt schlussendlich eine kaum schlüssig zu beantwortende Frage. Schließlich ist der Freimarkt immer auch ein Gefühl und gefühlte Fakten können kaum verifiziert beziffert werden.





BremenNews - Jörn Petersen

Symbolbild - Freepik
Senatspressestelle Bremen
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