Kundgebung auf dem Bremer Marktplatz: „Solidarität mit der kämpfenden Ukraine“ – „Slawa Ukrajini!“
Das „Unity Center UA – Deutsch-Ukrainischer Kulturverein Bremen“ hatte am vierten Jahrestag des Krieges erneut zu einer Kundgebung und Demonstration auf dem Bremer Marktplatz aufgerufen. Die Rednerinnen wollten auf das Leiden und Sterben der Menschen in der Ukraine und auf die Auswirkungen des Krieges auf Europa und die Welt aufmerksam machen. Zu den Rednerinnen gehörte die Präsidentin der Bürgerschaft Antje Grotheer (SPD). Im Anschluss luden die Kirchen in Bremen zu einem ökumenischen Friedensgottesdienst im St.-Petri-Dom ein.
Blau-gelbe Flaggen wohin man schaut: Die Veranstaltung begann mit einer Schweigeminute zu Ehren aller Verstorbenen, aller in diesem Krieg gefallenen Ukrainern. Die Minute hätte länger und bedrückender nicht sein können. Es war ein 60 Sekunden dauernder stummer Hilfeschrei. Daraufhin wurde ein Lied angestimmt, dass die gesamte Trauer in sich trug und den Marktplatz in Bedauern und Ohnmacht hüllte. Kein auch nur ansatzweise empathischer Mensch hätte die bedrückenden und leidvollen Emotionen nicht wahrnehmen können.
Jeder einzelne Tag bedeutet Schmerz, Verluste, Leid
Eine angebliche Bedrohung Russlands durch die Ukraine diente Putin als Vorwand für eine groß angelegte Invasion der Ukraine; diese begann am Morgen des 24. Februar 2022 gleichzeitig von Süden, Osten und Norden. Am gestrigen Dienstag jährte sich der Angriffskrieg Russlands zum vierten Mal. „Ist das zu viel oder zu wenig?“, so die rhetorische Frage der ersten Rednerin. „Für uns Ukrainer ist die Antwort eindeutig. Jeder einzelne Tag, jede einzelne Sekunde des Krieges ist zu viel. Das bedeutet Schmerz, Verluste, Leid.“
Der größte Wunsch sei es, den Krieg zu beenden, einen gerechten Frieden in Europa zu schaffen und nach zivilisierten Regeln wieder herzustellen. Heute sei der erste Tag des fünften Jahres des Krieges. Man wisse zwar noch immer nicht, wann er enden wird. „Aber wir wissen genau, wie er enden wird. Entweder mit einem Sieg der freien Welt oder aber mit einem des Totalitarismus. Eine dritte Möglichkeit gibt es nicht.“ Weil sich niemand ein Leben unter russischer Herrschaft für sich oder seine Kinder vorstellen könne, gebe es nur eine Wahl: zu siegen.
Iryna Tybinka: Glauben Sie nicht denen, die behaupten, dieser Krieg sei nicht ihrer!
Angereist war die ukrainische Generalkonsulin Iryna Tybinka. Die hochrangige Politikerin wurde nicht müde darauf hinzuweisen, dass die imperialistischen Interessen des russischen Machthabers keinesfalls bei der Ukraine enden werden. „Dieser Krieg zeigt nur eines, dass Putin erst dann endet, wenn er all seine Ziele erreicht hat. Was bedeutet das für uns alle? Dass der Krieg solange dauern wird, bis wir ihn stoppen.“ Das müsse zur Aufgabe für jeden von uns werden, für unsere Gesellschaft, für die gesamte zivilisierte Welt. Nicht nur für die Ukrainer, sondern auch für die Bürgerinnen und Bürger Bremens, Deutschlands und der Europäischen Union. „Glauben Sie nicht denen, die behaupten, dieser Krieg sei nicht ihrer. Er ist längst hier, mit Sabotageakten, hybriden Invasionen, mit Drohnen, der Lahmlegung des Luftverkehrs und dem Sammeln von Aufklärungsdaten. Dieses Russland hasst und verachtet Europa.“ Dabei betonte die Generalkonsulin, dass Europa es sich nicht leisten könne, auf die stärkste Europäische Armee zu verzichten, gleichwohl forderte sie mehr Unterstützung ein, etwa auch durch Lieferung des Taurus.
Antje Grotheer: „Putin terrorisiert und tötet die Zivilbevölkerung.“
Die Präsidentin der Bremischen Bürgerschaft Antje Grofheer gehörte ebenfalls zu den promimenten Rednerinnen: „Sehr geehrte Generalkonsulin Doktor Tybinka, sehr geehrte Frau Professorin Schattenberg, meine sehr verehrten Damen und Herren, Sie sehen hinter mir, dass wir das Haus der Bürgerschaft wie in den vergangenen Jahren in den Farben der Ukraine beleuchten. Das ist ein sichtbares Zeichen unserer Solidarität als Bremische Bürgerschaft. Als Parlament stehen wir dazu, dass wir den Ukrainerinnen und Ukrainern weiterhin zur Seite stehen werden.“
Die Ukraine, so Grotheer, führe den Kampf auch für das freiheitliche Europa. „Auf den Tag genau vier Jahre ist es her, dass Russland seinen völkerrechtswidrigen Krieg auf die Ukraine startete. Ein Krieg auf europäischem Boden, den alle für unvorstellbar gehalten hatten.“ Man habe anfangs noch die Hoffnung gehabt, dass der Krieg schnell ende und möglichst wenig Opfer fordere. Das Gegenteil sei der Fall. „Putin führt seinen Krieg fort und wird dabei immer brutaler. Er greift gezielt die Energieinfrastruktur an. Menschen müssen ohne Strom und Heizung bei zweistelligen Minusgraden in ständiger Angst vor neuen Angriffen ausharren. Putin terrorisiert und tötet die Zivilbevölkerung.“ Gerade weil die Ukraine sich auf die Unterstützung durch die USA nicht mehr verlassen könne, sei es wichtig, dass die Unterstützung aus Europa nicht nachlässt.

Antje Grotheer, Präsidentin der Bremischen Bürgerschaft: „Putin terrorisiert und tötet die Zivilbevölkerung.“
Barbara Schattenberg: „Warum schicken wir der Ukraine nicht den Taurus?“
Barbara Schattenberg, Historikerin und Direktorin der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, machte in einer Retrospektive deutlich, welche Verantwortung die Deutschen für die Ukraine tragen. So erläuterte sie, dass rund 1,4 Millionen Ukrainer durch das Nazi-Regime getötet worden waren. „Vor 80 Jahren hat Deutschland der Ukraine die Freiheit geraubt. Am 22 Juni 1941 überfiel die Wehrmacht die Ukraine, Belarus und Litauen, die damals zur Sowjetunion gehörten. Kiew war zwei Jahre lang von September 1941 bis November 1943 der NS-Terrorherrschaft unterworfen. Nahezu in jedem Ort fanden Massenerschießungen statt, wenn die jüdische Bevölkerung nicht einfach zusammengetrieben und in Scheunen verbrannt oder in Bergwerkschächten zu Tode gestürzt wurde.“ Die West-Ukraine wurde erst 1944 von Hitlers Regime befreit.
Gerade angesichts dieser historischen Schuld sei es heute umso mehr die Pflicht der Deutschen, für die Freiheit der Ukraine einzustehen. Das sei leider nicht das, worum es US-Präsident Donald Trump gehe, wenn er die Ukraine auffordere, größte Zugeständnisse gegenüber Russland zu machen. Trumps Devise laute offenbar: „Für meinen Profit und den Handel mit Russland.“ Der Kampf um die Freiheit mobilisiere jedoch ganz andere Kräfte, als es einem Aggressor je gelingen wird. Präsident Selenskyj habe zurecht gefragt, ob Europa es sich leisten könne, auf die Armee mit der größten Kampferfahrung zu verzichten, der Armee, die zwischen der Freiheit von Europa und Russland steht. „Wenn die Ukraine unsere Freiheit verteidigt, warum schicken wir dann nicht alle Waffensysteme, auch den Taurus?“

Rechts im Bild: Barbara Schattenberg, Historikerin und Direktorin der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen

Rechts: Yuliia Tsomyk, Vorstandsmitglied Unity Center UA, bei ihrer Rede vor der Bremer Bürgerschaft
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((Beitragsbild oben: Nicht die Wut, sondern die Ohnmacht und Trauer standen in den Gesichtern der Versammelten.))




BremenNews - Jörn Petersen







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