Handelskammer Bremen: Maritime Souveränität lässt sich nicht importieren
Die Europäische Kommission hat gestern ihren Vorschlag für eine Europäische Maritime Industriestrategie vorgelegt, die erste ihrer Art seit knapp 10 Jahren. Diese soll der maritimen Branche, die sich über die Jahrzehnte stark verändert hat, industriepolitische Leitplanken geben, die die technologische, geopolitische und wirtschaftliche Realität des maritimen Sektors abbilden.
Dies ist keine leichte Aufgabe – der europäische Anteil am globalen Schiffbau ist von rund 45 Prozent in den 1980er Jahren auf heute unter 5 Prozent gesunken. China hält inzwischen über die Hälfte des globalen Neubauvolumens, Südkorea weitere 30 Prozent. Europa fertigt fast nur noch Kreuzfahrt-, Marine- und Forschungsschiffe, konzentriert sich also auf technologisch anspruchsvolle Nischen. Staatlich gestützte Überkapazitäten in Asien setzen europäische Anbieter unter erheblichen Preisdruck und erschweren notwendige Investitionen. Gleichzeitig wächst die Abhängigkeit von importierten Rohstoffen, deren Verfügbarkeit zunehmend geopolitisch geprägt ist.
André Grobien, Vorsitzender der IHK Nord sagt: „Wie auch der vielbeachtete Draghi-Bericht zur Wettbewerbsfähigkeit der EU hervorhebt, besitzt die maritime Industrie eine hohe strategische Bedeutung für Europas wirtschaftliche und technologische Souveränität. Wir begrüßen daher grundsätzlich die Vorlage der Europäischen Kommission. Maritime Souveränität lässt sich nicht importieren. Europäische Schiffbau- und Zulieferkapazitäten müssen gestärkt und strategische Abhängigkeiten reduziert werden. Die maritime Industrie ist in hohem Maße von Importen kritischer Rohstoffe, Metalle und strategischer Vorprodukte wie Stahl, Kupfer, Aluminium, seltenen Erden, Permanentmagneten und Speziallegierungen abhängig. Wir müssen dringend verhindern, dass geopolitische Spannungen, Preisvolatilitäten und Lieferkettenstörungen auf den Schultern der maritimen Industrie ausgetragen werden. Stabile Lieferketten sowie der Schutz und Ausbau kritischer Produktions- und Wartungsarbeiten sind der Schlüssel für eine gesteigerte Resilienz der maritimen Industrie. Von einer gesteigerten Resilienz der maritimen Industrie profitieren wiederum Logistik und Handel, die auf verlässliche Seewege angewiesen sind.“
Zugleich hat Europa im Bereich des maritimen High-Tech-Segmentes eine Führungsposition, diese gilt es zu sichern. Dies betrifft nicht nur den Schiffbau – insbesondere in den Bereichen Marineschiffbau, Forschungs- und Spezialschiffe, sondern auch hochspezialisierte Bereiche wie die Unterwasserrobotik oder die Meerestechnik. Etwa ein Drittel aller weltweiten Patentanmeldungen in diesem Bereich stammen aus Europa. Die IHK Nord setzt sich daher dafür ein, dass europaweit langfristige Förderprogramme für maritime Spitzentechnologien aufgelegt und bestehende Instrumente wie Horizon Europe und Innovationsfonds stärker auf die maritime Industrie ausgerichtet werden.
Hinzukommt, dass die maritime Industrie in besonders hohem Maße vom Fachkräftemangel betroffen ist. In den kommenden zehn Jahren wird ein erheblicher Teil der europäischen Beschäftigten im Schiffbau altersbedingt ausscheiden, die Annahme liegt bei 40 Prozent der Beschäftigten. „Egal ob Werften, Reedereien oder Zulieferbetriebe, wir benötigen Fachkräfte, die neue Antriebssysteme, Automatisierung und robotergestützte Prozesse, KI und vieles mehr händeln können. Denn die Transformation gelingt nur gemeinsam mit den Arbeitskräften. Es braucht maritime Ausbildungsprofile, die den technischen Fortschritt widerspiegeln und Qualifikation entlang der maritimen Wertschöpfungskette sicherstellen. Ein EU-Pakt für maritime Qualifikationen wäre hierfür aus unserer Sicht ein Schritt in die richtige Richtung“, so Grobien abschließend.
Schiffbau-Unternehmen und Zulieferer haben in Bremen lange Tradition. Als Teil der maritimen Wirtschaft gehören sie zu einem der bedeutendsten Wirtschaftszweige der Hansestadt. Zahlreiche Unternehmen aus dem Schiffbau und der Schifffahrtsindustrie finden in Bremen einen sicheren Hafen – und erobern von hier aus die Welt. Werften, Docks, Ausrüster, Maschinenteile, Elektronik – in jeder Teilbranche der gesamten Produktionskette findet sich in Bremen und Bremerhaven mindestens ein Unternehmen. Diese Leistungsfähigkeit kommt nicht von ungefähr, wie ein Blick auf die Zahlen beweist: zweitgrößter Hafenstandort Deutschlands, 1.300 Unternehmen und mindestens 40.000 Beschäftigte in der gesamten maritimen Wirtschaft, um nur einige zu nennen.
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((Beitragsbild oben: Standort zahlreicher Unternehmen im Schiffbau: Bremerhaven, hier im Blick der Fischereihafen))




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