Graffiti in Bremen – Kunst oder Ärgernis? Und warum gibt es kaum legitime Flächen für Sprayer?

Überall in Bremen finden sich beeindruckende Wandgemälde, kreative Graffitis und bunte Murals, die Geschichten erzählen und zum Nachdenken anregen. Entecken lassen sich zahlreiche originelle Kunstwerke an Hauswänden, Brücken und Fassaden, wodurch auch die Hansestadt längst zu einer lebendigen Galerie unter freiem Himmel avanciert ist. Bereits seit rund einem halben Jahrhundert gilt Bremen als Vorreiter für das Programm „Kunst im öffentlichen Raum“, wobei das Angebot durch Streetart zusätzlich ergänzt wird. Vor drei Jahren wurde sogar beschlossenen, den Sprayern mehr legitimierte Flächen zur Verfügung zu stellen. Passiert ist – wie von den Linken kritisiert – bislang wenig.

Bei der Beurteilung von Kunst und Graffiti geht Bremen tatsächlich recht kuriose Wege; indes etliche Wandmalereien an den Fassaden der Stadt geradezu glorifiziert und sogar als Teil virtueller Stadtrundgänge verwendet werden, ist Graffiti bei den meisten verpönt. Kein Wunder, schließlich sind die Sprayer gewissermaßen Rebellen der Kunst, die sich mit spezieller Signatur und eigenem Duktus gegen das Establishment auflehnen wollen. Zumindest die ernsthaften Graffiti-Künstler, die es eben nicht nur auf Vandalismus etwa auf Garagentoren oder Fassaden abgesehen haben. Da scheint die Forderung nach mehr legalisierten Flächen für Graffitis zwar öffentlichkeitswirksam sozial politisiert, widerspricht allerdings vollkommen dem Lifestyle der Sprayer. Schließlich haben die üblicherweise keinerlei Interesse an vorgegebenen und somit die Kreativität einengenden Flächen.

So ergibt sich eine zuweilen recht kuriose Spirale. Die einen sagen: „Hier dürft ihr, bitteschön.“ Die anderen sagen: „Wenn wir dürfen, wollen wir nicht. Dankeschön.“ Und dennoch werden basierend auf dem Fehlverständnis der rebellischen Grundintention die Forderungen nach freizugebenden Flächen lauter, beschäftigen sogar die politischen Debatten im Senat. Da muss die Frage gestattet sein, ob der Versuch, ein nicht zu zähmendes Pferd einzufangen, grundsätzlich sinnentleert ist. Einher geht damit das Verständnis von Graffiti als Kunst im öffentlichen Raum. Vandalismus an Gebäuden, an Garagentoren und weiteren Flächen, wo man „mal schnell etwas hinschmieren kann“, hat mit ausdrucksstarken Graffitis sicherlich so wenig zu tun, wie ein Eisbeer in der Wüste von Gobi.

Tatsächlich aber befinden sich unter den Graffiti-Sprayern echte Künstler und wahre Indivualisten, die sich keinesfalls der Obrigkeit unterordnen wollen und lieber unerkannt bleiben. Sicherlich wird der Reiz des Unerlaubten auch künftig eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen. Wohlgemerkt: Hier geht es nicht um den strafbewährten Vandalismus, nicht um die Verschandelung privater als auch öffentlicher Immobilien. Doch die Initiative, den Graffiti-Künstlern zugewiesene Flächen für ihre nicht selten außergewöhnlichen Entwürfe zur Verfügung stellen zu wollen, wird zum Hornberger Schießen. Wohl kaum würde sich ein Banksy vorschlagen oder gar vorschreiben lassen, an welcher Stelle er sich verewigt. Der so wichtige Überraschungseffekt wäre schlichtweg verpufft.

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