Couragiert und angefeindet in Bremen: Wie das Risiko in rettenden und ordnenden Berufen zunimmt

Die Achtung vor Menschen in Berufen, die sich als Polizisten für die öffentliche Sicherheit einsetzen, als Feuerwehrleute oder Rettungssanitäter anderen in oftmals hochriskanten und lebensgefährlichen Situationen helfen und vielen weiteren nimmt dramatisch ab. Für die meisten Bürgerinnen und Bürger ist die Entwicklung unverständlich. Doch die Realität „auf der Straße“ als auch die Kriminalstatistik sprechen eine eindeutige Sprache.

Sind Uniformen mittlerweile zum triggernden Feindbild geworden und sehen wir mangels Zivilcourage nur zu oft weg? Wohl nicht in ihrer Gesamtheit, auch sollten Bürgerinnen und Bürger sich keinesfalls Gefahren aussetzen, für die andere eine entsprechende Ausbildung absolviert haben. Doch realisieren und reflektieren, wie sich Menschlichkeit und gegenseitiger Respekt verschieben, ist durchaus angesagt. Nur so lassen sich die soziologischen Warnsignale wahrnehmen und einschätzen.

Im Zuge der 481. Schaffermahlzeit in Bremen war das Sicherheitskonzept verschärft worden, gleichwohl war für jeden, der über das Areal rund um das Rathaus, das Haus Schütting und den Dom schlenderte, die hohe Polizeipräsenz erkennbar. Zeitgleich hingen im Haus der Bürgerschaft die Bilder der Ausstellung „Der Mensch dahinter“, die auf eine eklatante Schieflage der Menschen im Umgang mit Beamten, Beamtenanwärterinnen und dem Nachwuchs der Polizei, den Risiken für Feuerwehr und Notärzte im Einsatz sowie den Gefahren für weitere Berufsstände hinweist und in den Fokus rückt.

Machtlosigkeit und gespannte Nerven sind spürbar

Gleich mehrere Polizisten konnten wir bei ihrem Einsatz vor Ort befragen. Alle erklärten, „(…) die Zustände hätten sich verschlechtert“ und verwiesen auf die aktuellen Kriminalstatistiken. Gerade die Jüngeren betonten, die Dienstälteren würden sich über diese über Jahre und Jahrzehnte andauernde Entwicklung besorgt und kopfschüttelnd äußern. Noch weniger Verständnis zeigten sie für Angriffe und Beleidigungen derjenigen, die nicht nur kommen, um Sicherheit und Ordnung zu gewährleisten, sondern schlichtweg Menschenleben retten wie etwa die Feuerwehr oder Rettungsdienste. Im Bild erscheinen wollten sie verständlicherweise nicht. Doch die Machtlosigkeit mit allseits gespannten Nerven ist überall spürbar.

Falls dir was passiert, was machst du dann?

Wenn sich niemand mehr traut in Rettungsberufen zu arbeiten, weil hinter schlichtweg jedem Einsatz ein potenzielles Risiko für das eigene Leben schwelt, wer wird dann noch helfen und retten, wenn es wirklich darauf ankommt? Schon jetzt sind etwa die Feuerwehrwachen in Bremen massiv unterbesetzt. Zwar wurden zusätzliche Stellen geschaffen. Die aber können aus Personalmangel nicht besetzt werden.  Ein ehemaliger Feuerwehrbeamter (Name der Redaktion bekannt) erzählte uns, dass das Risiko etwa bei Löscheinsätzen immer größer wird. „Wenn du reingehst, dich aber mangels Personal nicht darauf verlassen kannst, dass du selbst rausgeholt wirst, falls dir etwas passiert, was machst du dann?“

Bereits zuvor hatten wir auf die Eröffnung der Ausstellung „Der Mensch dahinter“ im Haus der Bürgerschaft hingewiesen. Das Erlebnis der Diskrepanz in persönlichen Gesprächen ist für uns Grund genug, nochmals tiefer einzutauchen. Für alle Bürgerinnen und Bürger lohnt es sich, die aktuelle Ausstellung zu besuchen, Bilder als auch Worte auf sich wirken zu lassen und die individuelle Wahrnehmung der Realitäten zu sensibilisieren.  Hier kommen einige Statements von exponierten Betroffenen, die unmissverständlich aufzeigen, dass auch Menschen in Uniformen und Berufskleidung Angst haben und immer wieder traumatisierende Situationen erleben.

Ein Fels in der Brandung

Wenn Oliver Mertens, der als Brandoberinspektor auch Vorstandsmitglied der Berliner GdP ist, von einem seiner schlimmsten Einsätze erzählt, mag man an den Menschen zweifeln. Ein Notruf führte ihn zu drei Personen, die Opfer einer Messerstecherei geworden waren. Für zwei von ihnen kam jede Hilfe zu spät. Als Mertens sich über den dritten Mann beugte, erkannte er, dass ihm die Hoden und der Penis abgetrennt waren. Nur weil er so schnell wie möglich ins Krankenhaus gebracht wurde, überlebte er.

Völlig erschöpft wechselte der Rettungssanitäter im Krankenhaus die Kleidung und wusch sich das Blut ab. Erst da bemerkte eine Krankenschwester, dass auch er einen Messerstich abgekommen hatte. „Da wollte wohl jemand nicht, dass ich diesem Mann das Leben rette.“ Warum es zu dem Massaker kam? „Jemand hatte Interesse an der falschen Frau bekundet.

Oliver Mertens, Brandoberinspektor und Vorstandsmitglied der Berliner GdP: „Da wollte wohl jemand nicht, dass ich diesen Menschen rette.“

Gejammer, wenn es kein WLAN gibt

Dass die Respektlosigkeit in der Gesellschaft zunimmt, ist für Manja Seeger offensichtlich. Beleidigungen gehören schon zum Berufsalltag, sagt sie. Als Hauptgrund benennt die Polizeihauptkommissarin mangelnde Erziehung. Eltern gäben ihre negative Einstellung an die Kinder weiter.

Zugleich kritisiert sie das wachsende Anspruchsdenken. Ihre aus Ostpreußen stammende Oma habe ihr Bodenständigkeit und Genügsamkeit mitgegeben. „Die Leute früher haben gefroren und hart gearbeitet. Wir jammern herum, wenn es kein WLAN gibt.“

Polizeihauptkommissarin Manja Seeger: „Eltern geben ihre negative Einstellung an die Kinder weiter“

Man kann sich nie sicher sein

Seit inzwischen acht Jahren arbeitet Oberbrandmeister Hauke Laverentz in der Feuerwache 1 in Bremen-Stadt, zuvor in Bremen-Nord. Er kann von krassen Erlebnissen berichten, wie Menschen hausen. Beispielsweise von Kindern, deren Eltern in der Wohnung Drogen nehmen. Auch erzählt er von Messerstechereien, bei denen die Feuerwehr in Einsatznähe wartet, bis die Polizei grünes Licht gibt.

Auch könne man nie wirklich sicher sein, selbst wenn auf den ersten Blick alles friedlich erscheint. Erlebt etwa bei einem Einsatz in einer Jugendunterkunft. „Plötzlich hatte jemand eine Glasflasche in der Hand und griff an.“ Die hinzugerufene Polizei wurde attackiert und bespuckt.

Oberbrandmeister Hauke Laverentz: „Plötzlich hatte jemand eine Glasflasche in der Hand und griff an.“

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