Bremer Talkshow 3nach9: Von überwindbaren und unüberwindbaren Ängsten
„Wir werden alles dafür tun, Sie in der Sendung zum Nachdenken anzuregen,“ lautete die Einleitung von Giovanni di Lorenzo. Und damit sollte er bei der aktuellen Ausgabe von 3nach9 – der „Mutter aller Talkshows – zweifellos Recht behalten. Zur illustren Runde eingefunden hatten sich Ferdinand von Schirach, Paul Ronzheimer, Clemens Graf von Hoyos, Boris Hermann, Christine Thürmer sowie Ildikó von Kürthy. Es ging um überwindbare und unüberwindbare Ängste, Abenteuer ohne doppelten Boden, dramatische Kriegseindrücke, gutes Benehmen und vieles mehr.
Nur folgerichtig eröffnete Co-Moderatorin Judith Rakers den Talk mit den Worten. „Heute ist der Tag des Nichtnachdenkens – der No-Brainer-Day, aber das gilt natürlich nicht für diese Runde.“ Das war keinesfalls eine Aufforderung, vielmehr eine sympathische Feststellung, eine typisch selbsterfüllende Prophezeiung. Von den Gästen schien sie berechtigterweise zu erwarten, dass sie zu denen gehören, die gar nicht abschalten können.
Clemens Graf von Hoyos: Gutes Benehmen zahlt sich aus
Clemens Graf von Hoyos gilt hierzulande als die Instanz schlechthin, wenn es um gutes Benehmen geht. Kein Wunder, immerhin ist er der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Knigge-Gesellschaft. Dass es vorbildliche Höflichkeit in unterschiedlichsten Facetten gibt, die in ihren Ausdrucksformen auch immer der Situation und dem Umfeld angepasst werden sollte, gehörte zu seinen Kernbotschaften. Und dabei lieferte er auch kritische Gedanken. Momentan werde ja so viel über die interkulturellen Einflüsse gewettert. „Aber ich werde in jeder Döner-Bude höflicher bedient als in so manchem deutschen Wirtshaus.“
Judith Rakers zitierte die Worte von Graf von Hoyos, „(…) Wenn man sich gut benimmt, zahlt sich das wirklich auch finanziell aus.“ Warum ist das so und was steckt dahinter? „Es gibt sogar Studien darüber, dass man beim Eisverkäufer oder an der Pommesbude größere Portionen bekommt, wenn man Bitte und Danke sagt. Auch ist es so, wir hatten gerade einen Kunden aus der Industrie, der hat eine zweitägige Maßnahme mit uns gemacht. Dabei haben wir herausgefunden, dass es Faktoren gibt, die bei ihm auf der Messe noch nicht so optimal laufen. Faktor Zeit, eine wichtige Ressource, mit der man haushalten muss. Außerdem unverfänglich und gezielt mit den Personen ins Gespräch zu kommen, eben auf professioneller – und höflicher – Ebene.“ Durch den gezielten Einsatz von gutem Benehmen lassen sich die Umsätze und Auftragseingänge messbar skalieren. Mit den ausgearbeiteten Höflichkeitsmaßnahmen hatte das Unternehmen sein Auftragsvolumen auf einer Messe um das 25-Fache gesteigert.

Spezialist für gutes Benehmen: Clemens Graf von Hoyos, Benimm-Experte, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Knigge-Gesellschaft
Ildikó von Kürthy: „Die Polizei ist unterwegs“
Direkt in der ersten Woche der Fastenzeit, war der erste Aufhänger der Talk-Show, ob jemand der Gäste mitmacht. Ildikó von Kürthy sagt nein, obwohl sie sich in der Vergangenheit recht intensiv mit dem Thema Entschlackung und Verzicht beschäftigt hatte. Eigentlich alles war ihr in der Zeit schwergefallen. Sie selbst bezeichnet sich als süchtig nach allem, was süchtig macht, von Erdnussflips bis Instagram. Allerdings gefallen ihr die Extreme nicht mehr: „(…) das Fasten, das Fressen“. Sie habe von Ferdinand von Schirach gelernt, der neulich gesagt hatte, das Leben gelingt nur in der Mitte.
Die Journalistin zählt zu den erfolgreichsten und meistgelesenen deutschen Schriftstellerinnen. In ihrem jüngsten Werk „Alt genug“ reflektiert die humorvolle und schlagfertige Autorin über das Älterwerden. Dabei entdeckt sie nicht nur das Wunder des Mittagsschläfchens und feiert die Kraft der Lebensmitte. Begleitet wird sie seit Jahren von Ängsten, so unter anderen von der, durch Tunnel zu fahren. „Ich hab‘ große Tunnelangst, Klaustrophobie. Und normalerweise, wenn ich irgendwo hinfahre, gucke ich mir vorher die Strecke an. Gucke, ob da Tunnel sind, die länger als 500 bis 1.000 Meter sind. Dann bin ich auch bereit, größere Umwege zu fahren. Sehr eindrucksvoll und nicht minder pointiert schilderte sie eine Situation, in der sie mit ihrer Freundin Saskia vor einem der größten Tunnel Deutschlands gelandet war und einfach nicht mehr weiterfahren konnte: „Die Polizei ist unterwegs.“
Boris Hermann: Abenteuer ohne doppelten Boden
Boris Hermann ist schon mehrfach um die Welt gesegelt, oft allein und sehr oft im Namen der Wissenschaft. Vor sechs Jahren war er als erster Deutscher bei der härtesten Regatta der Welt mitgesegelt. Über das Leben an Bord, aber auch an Land wusste er eindrucksvolle Dinge zu berichten. Der Sport ist für ihn ein Kontrast zum normalen Leben. Sobald er zurückkehrt, entdeckt er alles neu, etwa ruhig am Tisch zu sitzen oder schlichtweg in einem Bett zu schlafen, das sich nicht bewegt und in dem es nicht so laut ist. Und die Weltumsegelung bezeichnet er als „(…) Abenteuer ohne doppelten Boden. Auch und gerade deshalb, weil man keinen dafür bezahlen kann, dass er einen begleitet. Man muss da alleine reiten.“
Wie riskant es auf See zugehen kann, konnten die Zuschauer aus seinen Schilderungen von einer Gewitternacht entnehmen, in dem ein Blitz direkt neben seinem Boot eingeschlagen und den Großteil der Elektronik zerstört hatte. Aufgewachsen mit dem Segelsport, ist er in den Extremsport schlichtweg reingewachsen. Angesprochen auf das Thema der Angst, sagt er: „Krisen sind oftmals die wichtigsten Momente. Man weiß, da muss ich jetzt unmittelbar reagieren.“ Den Wassersport verbindet Hermann mit dem Naturschutz, indem auf den Touren ständig Daten gemessen, gesammelt und ausgewertet werden. Insbesondere ist das eine gute Chance für den Klimaschutz und die Forschung, Wechselwirkungen zu verstehen, da nur wenige Menschen in derartige Regionen wie etwa die Arktis fahren.
Ferdinand von Schirach: „Es geht einfach nicht anders“
Seit Jahren schreibt Ferdinand von Schirach einen Bestseller nach dem nächsten. Das geschieht bei ihm mit wenig Schlaf bzw. immer wieder kurzen Schlafphasen, was von Schirach allerdings sehr gelassen sieht. So wacht er beispielsweise um 03:00 Uhr nachts auf, fängt an zu schreiben und geht um 08:00 Uhr wieder ins Bett, um den Schlaf nachzuholen. Er empfindet das sogar als angenehm. „Es geht einfach nicht anders.“
Momentan ist es ihm ein Anliegen, Kindern die Regeln der Demokratie näherzubringen. Geschrieben hat von Schirach ein Kinderbuch. „Die Grundidee ist: Der Krieg ist verlorengegangen und eine fremde Macht sagt, ich nehm euch ein, weil möglicherweise wieder ein neuer Tyrann kommt, der Krieg führt. Die Einwohner aber sagen, sie werden jetzt gerechte Gesetze schaffen. Und wenn wir diese gerechten Gesetze haben, kann es keinen Tyrannen mehr geben.“ Die Idee dahinter: Wer kann gerechte Gesetze schaffen? Ein Problem, das wirklich zweieinhalb Tausend Jahre alt ist: „Wie entsteht Gerechtigkeit?“ Der Junge – der Protagonist seines Kinderbuches – zieht durch die Welt, weil er von seinem Dorf den Auftrag bekommt, weil er der einzige ist, der vollkommen unvoreingenommen ist. „Vollkommen unbelastet versucht er als Kind, gute Gesetze zu finden.“ Giovanni di Lorenzo fand seine Version ein wenig „straffer“. Ferdinand von Schirach: „Ja, das kommt, weil Sie ein etwas strafferer Typ sind.“
Auch erzählte von Schirach von seiner Kindheit, die er als schön bezeichnet, aber auch geprägt von Langeweile und Langsamkeit. „Das ist gar nicht so schlecht, wie man denkt. Denn alle Dinge entstehen eigentich aus der Langeweile.“ Ist der Tag demgegenüber permant gefüllt, gebe es keine Bereiche, wo man selber etwas herstellen muss; sozusagen der vorgefertigte Alltag, der keinen Platz mehr für Kreativität bietet. Lange Weile, so die Runde, sei ein Booster für Kreativität, auch die Möglichkeit, das Erlebte zu verdauen. Wie nicht anders zu erwarten, war Ferdinand von Schirach hochintellektuell und filigran humorvoll zugleich.

Ferdinand von Schirach, Strafverteidiger und Schriftsteller, möchte Kindern die Regeln der Demokratie näherbringen.
Christine Thürmer: Sie läuft und läuft und läuft
Die Langstreckenwanderin und Bestsellerautorin Christine Thürmer hat bereits mehr als 70.000 Kilometer zu Fuß zurückgelegt, außerdem rund 37.500 Kilometer mit dem Rad und 7.000 Kilometer mit dem Boot. Die ehemalige Managerin erzählte von ihrer Abenteuerreise nach Asien und berichtete von verrückten Erlebnissen ind Japan, Südkorea und Taiwan. Dabei waren Wanderwege der Zukunft, Blutegel am Segelstrand und vieles mehr. So beispielsweise auch von einem Wanderweg um das Kernkraftwerk in Fukushima, wo sich auf der Strecke etliche Geigerzähler befinden. Interessanterweise ist dort die radioaktive Belastung nur halb so stark wie an manchen Stellen im Schwarzwald. Wer hätte das gedacht? Ferdinand von Schirach: „Stimmt das wirklich? Also ich war die ganze Zeit auf einem verstrahlten Internat?“
Paul Ronzheimer: Schlimm faszinierend
Die Heimat von Paul Ronzheimer ist Aurich in Ostfriesland, sein Arbeitsgebiet die ganze Welt. Kriegsberichterstattung und politische Einordnung sind seine Themen. Der aktuell preisgekrönte Journalist. stellvertretender Chefredakteur der Bild, war an diesem Abend erstemals Gast bei der Mutter aller Talkshows. Seit mehr als zehn Jahren berichtet er aus Kriegs- und Krisengebieten und wurde vor vier Jahren als „Journalist des Jahres“ ausgezeichnet. Bei 3nach9 hatte er Interessantes über seine Gespräche mit politischen Machthabern und seinen Blick auf Deutschland im Gepäck. Selbstverständlich ist er Nachrichten-Junky, verzichtet auch nie aufs Smartphone mitsamt den täglichen Nachrichten. Aber welche Eigenschaften muss man mitbringen, um ein Kriegsreporter zu werden?
Paul Ronzheimer: „Ich hatte das nie geplant, ich war Lokalreporter in Emden und wollte immer Journalist werden, also Geschichten erzählen. Und das mit dem Krieg und der Krise ist mehr oder weniger passiert. Ich war 2013 auf dem Maidan und hab von dort berichtet und aus den Demonstrationen wurde die Krim-Annektion, dann der Krieg in der Ost-Ukraine. Wir haben den ja erst so richtig mitbekommen seit 2022, aber die Wahrheit ist, 2014 begann er. Und plötzlich war ich Kriegs- und Krisenreporter.“ Angst zu haben, sei entscheidend dafür, ob man da überhaupt irgendwie wieder rauskommt. Eingeblendet wurde eine Sequenz, in der Ronzheimer im Kriegsgebiet selbst beschossen wurde.
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((Beitragsbild oben: Talkmaster Giovanni die Lorenzo bei der Begrüßung))




BremenNews - Jörn Petersen





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