Wenn Fehler unverzeihlich sind – Zu Besuch beim Kampfmittelräumdienst Bremen

19. 12. 2017 um 17:43:21 Uhr | BremenNews-Redaktion
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Für Thomas Richter ist sein Beruf “ganz normal”. Er ist Sprengmeister und stellvertretender Sachgebietsleiter beim Kampfmittelräumdienst Bremen. Mit seinen Kollegen zusammen ist er in Bremen zuständig für Granaten, Munition und Bomben aus den beiden Weltkriegen. Noch heute werden zahlreiche Blindgänger und scharfe Sprengsätze zu Tage gefördert und stellen damit eine große Gefahr dar.
 
Wenn sie anrücken, sollte jeder Unbeteiligte sich weit vom Ort des Geschehens entfernen. Der Kampfmittelräumdienst, kurz KRD, hat die Aufgabe, gefährliche Sprengsätze aus den vergangenen Weltkriegen unschädlich zu machen. Bomben aus dem 1. Weltkrieg sind zwar eher selten, leider gibt es aus dem darauffolgenden Weltkrieg dafür umso mehr. Der Bremer Westen mit seinen Häfen und Industriegebieten war ebenso ein beliebtes Ziel wie die Innenstadt mit den strategisch wichtigen Brücken über die Weser. Auch der Bürgerpark wurde im Zuge des 2. Weltkrieges enorm in Mitleidenschaft gezogen. Wie stark ein bestimmtes Gebiet von Bomben belastet wurde, wird auf historischen Luftaufnahmen kurz nach dem Krieg deutlich.
 

Rund ein Dutzend Bomben dieses Jahr entschärft

Dieses Jahr musste er mit seinen Kollegen nach eigenen Angaben “circa 12-14” große Bomben in Bremen entschärfen, wie Thomas Richter sagt. Diese hatten eine Sprengkraft zwischen 10 Kilogramm und 500 Kilogramm. Zuletzt wurde ein Bombe in Seehausen entschärft. Bei Arbeiten an so großen Sprengsätzen trägt Richter keinen Schutzanzug. “So ein Schutzanzug kann bei Brief- oder Kofferbomben eventuell Leben retten, bei 500 Kilogramm Bomben hilft bei einer Detonation aber nichts mehr”, erklärt er. Bei Brief- und Kofferbomben kommt Richter nicht zum Einsatz, seine Abteilung hat sich auf die Entschärfung von Weltkriegsbomben spezialisiert. Die Zündsysteme bei Kriegsbomben aus der damaligen Zeit sind meist mechanisch angelegt, heutzutage sind die Zündsysteme elektronisch.
 
Der KRD steht ganz am Ende einer Reihe von Abläufen, die vor einem Einsatz eintreten. Vor der Bebauung eines neuen Gebietes muss der Bauherr einen Antrag auf die Untersuchung der zu bebauenden Fläche stellen, anschließend werden historische Luftbilder ausgewertet und analysiert, wie stark das Gebiet vor 70 Jahren von Geschossen betroffen war. Als nächstes werden private KRD beauftragt, die die Fläche nach gefährlichem Gut überprüfen. Sollte bei dieser Suche eine Bombe oder ähnliches entdeckt werden, wird der KRD der Polizei Bremen kontaktiert. Vor Ort wird dann der Blindgänger untersucht und das Zündsystem identifiziert. Anschließend wird entschieden, ob eine Entschärfung möglich ist oder eine gezielte Sprengung durchgeführt werden muss.
 

70 Prozent amerikanische Bomben, 30 Prozent englische

Schon damals variierten die Zündsysteme sehr. Über 100 verschiedene Systeme gab es bei den Bomben im Zweiten Weltkrieg, oftmals hing das System von der Herkunft der Kampfmittel ab. “Wer meint, er kennt alle Zünder auswendig, der lügt wahrscheinlich”, erklärt Thomas Richter lachend. Er schätzt, dass in Bremen zu 70 Prozent amerikanische Geschosse abgeworfen wurden, der Rest besteht aus englischen Sprengsätzen. Besonders problematisch seien die sogenannten Säurezünder englischer Bomben. Diese Kampfmittel explodieren nicht beim Aufschlag, sondern lösen dort erst eine chemische Reaktion aus. Nach einer gewissen Verzögerung detoniert die Bombe. Bei Blindgängern kann eine nicht komplett ausgelöste chemische Reaktion über Jahre fortschreiten und aus den Sprengsätzen im wahrsten Sinne des Wortes “tickende Zeitbomben” machen. Bei der Entschärfung sind diese noch “scharfen” Sprengsätze sehr anspruchsvoll.
 
Vagen Schätzungen zu Folge detonierten 12 Prozent der 100.000 über Bremen abgeworfenen Sprengbomben nicht. Diese Zahl sieht Richter jedoch eher bei 20 Prozent, da bereits 16.000 Bomben nach dem Zweiten Weltkrieg gefunden wurden. Trotz der Tatsache, dass Fehler in diesem Job unverzeihlich sind, ist Thomas Richter mit seiner Arbeit mehr als zufrieden. “Für mich ist das ein normaler Beruf, der mir jeden Tag Spaß macht”, so der Sprengmeister. Angst sei dabei fehl am Platz. “Angst ist ein schlechter Begleiter, Respekt ist allerdings vor jedem Blindgänger vorhanden”, so Richter. Aktuell stellt die Erschließung der Gartenstadt Werdersee ein großes Projekt dar. Hier wurden bereits 20 Stabbrandbomben und 11 Phosphorbomben gefunden und unschädlich gemacht. Durch den matschigen Boden am Werdersee detonierten viele Bomben nach dem Abwurf nie.
 
Foto: Thomas Richter mit einer entschärften Phosphorbombe, welche auch am Werdersee gefunden wurden.
 





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